Gründungshaus des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins und der Domowina
Zur Geschichte des Gebäudes
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Zur Geschichte des Gebäudes
Das Haus wurde um das Jahr 1880 auf dem Grundstück einer ehemaligen Brauerei vom künftigen Gastwirt August Nicolai erbaut. Die Gaststätte nannte sich dann Restaurant Nicolai. Im Jahre 1902 kaufte Oskar Härtel das Haus und führte die Gaststätte unter dem Namen “Gesellschaftshaus” weiter. Im alltäglichen Sprachgebrauch nannte man sie auch “Härtels Ballhaus”. 1922 kaufte die Stadt dem nachfolgenden Besitzer Alfred Petzold das Gebäude ab und baute es zum Gymnasium um. 1928 erwarb hier der Computervater Konrad Zuse sein Abitur. 1929 erhielt die Bildungseinrichtung den Namen Lessings und verblieb bis zum Jahre 1959 im Haus. Dann folgten als Nutzer die Oberschulen V und VI, das Pionierhaus, und ab 1990 der Kinder- und Jugendtreff. Von 1996 bis 1999 war das Haus Domizil der Kulturfabrik. Danach stand es bis zur Entscheidung zur Sanierung im Jahre 2010 leer. Der Umbau zum “Bürgerzentrum Braugasse 1” war 2015 abgeschlossen.
Unter den Sorben aber auch in Hoyerswerda/Wojerecy selbst ist kaum bekannt, dass in diesem Haus nicht nur die Domowina, sondern auch der wichtigste sorbische Verein der Stadt Hoyerswerda und ihrer Umgebung im Zeitraum vor dem 2. Weltkrieg gegründet worden ist. Es war der Hoyerswerdaer wendische Bauernverein (sorbisch: Wojerowske serbske burske towarstwo). Im deutschen Sprachgebarauch war damals noch die Bezeichnung “wendisch” für alles Sorbische üblich.
Die Gründung des Vereins erfolgte in drei Etappen im Restaurant Nicolai. Am 28. Dezember 1884 hatten sich hier 50 Sorben (Wenden) aus Hoyerswerda und Umgebung zusammengefunden. Sie beschlossen die Gründung eines wendischen Bauernvereins. Sie wählten einen Auschuss zur Ausarbeitung der Satzung unter Leitung des Schriftsetzers August Lapstich.
Schon am 11. Januar 1885 wurde der Entwurf der Satzung vorgelegt, diskutiert und beschlossen. Diese Satzung bestimmte als Vereinsnamen die Bezeichnung: “Hoyerswerdaer wendischer Bauernverein”. Die Satzung beinhaltete unter anderem die Festlegung, dass Vorträge, Vorschläge, Anfragen, Mitteilungen und Verhandlungen in wendischer Sprache zu erfolgen hatten.
Der Abschluss der Vereinsgründung erfolgte am 1. Februar 1885 wieder im Restaurant Nicolai. Die Mitglieder wählten den ersten Vereinsvorstand mit folgender Zusammensetzung: Vorsitzender – Lehrer im Ruhestand Jan Mrózak in Nardt/Narć,
stellvertretender bzw. Vizevorsitzender – Gerichtssekretär Wićaz-Lehmann in Hoyerswerda/Wojerecy, Schriftführer – Schriftsetzer August Lapstich in Hoyerswerda/Wojerecy und Schatzmeister – Kaufmann in Hoyerswerda/Wojerecy,
Georg Valtin. Der Verein hatte zu diesem Zeitpunkt schon 74 Mitglieder. Die höchste Mitgliederzahl wurde 1886 mit 305 erreicht.
Veranstaltungen des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins im Restaurant Nicolai (bis 1902) und in Härtels “Gesellschaftshaus” (bis 1921 – dann Umbau zum Gymnasium)
Bis zur Übernahme des Hauses in städtisches Eigentum war es der Sitz des Vereins und der Hauptveranstaltungsort für unzählige Versammlungen, Gründungsfeste, Erntedank- und weitere Feste wie auch Vergnügen bzw. Unterhaltungsabende.
Die erste Veranstaltung war ein Unterhaltungsabend am 21. Juni 1885. Der Chor und die Theatergruppe des Vereins hatten ihren ersten erfolgreichen Auftritt. Der Verein zählte 140 Mitglieder.
Ausgewählte weitere Beispiele von Veranstaltungen des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins in diesem Haus waren:
Am Sonntag, dem 13. Oktober 1912 versammelten sich 60 Vertreter von 31 sorbischen (wendischen) Vereinen “Bei Oskar Härtel (Sitz des Hoyerswerdaer sorbischen Vereins)”, wie es in der Einladung hieß. Die anspornende Hauptansprache hielt der Nochtener Pfarrer Gotthold Schwela (Bogumił Šwjela).
Nach gründlicher Diskussion beschlossen die Delegierten die Gründung des “Bundes sorbischer Vereine”. Als Name des Bundes wurde auf Vorschlag von Schwela die Bezeichnung DOMOWINA (Heimat) bestimmt, “was von Großpostwitz bis Burg (Spreewald) gut verstanden wird”. Der Vorsitzende des gastgebenden Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins, August Lapstich wurde in den Satzungsausschuss gewählt.
Der Abschluss der Gründung fand am gleichen Ort am 9. Februar 1913 statt. Vertreten waren 28 Vereine mit 70 Stimmberechtigten. Einstimmig nahmen diese die Satzung des Bundes an und wählten den Vorstand. Der erste Vorsitzende der Domowina war Ernst (Arnošt) Bart und der erste Vizevorsitzende Gotthold Schwela.
Aus dem Hoyerswerdaer wendischen Bauernverein wurde dessen Vorsitzender, der Buchdrucker August Lapstich als Stellvertreter des ersten Schriftführers gewählt. Die Vereine mussten sich dann in das Mitgliedsregister der Domowina eintragen lassen (bis zum Juni 1913: 15 Vereine mit mehr als 1.600 Mitgliedern). Wahrscheinlich ließ sich der Hoyerswerdaer wendische Bauernverein nicht registrieren, da er erst 1928 in die Domowina aufgenommen wurde.
Zum 50. Jahretag der Gründung der Domowina im Jahre 1962 wurde an der Fassade des Hauses eine Gedenktafel angebracht, die auch heute noch an dieses wichtige Ereignis in der sorbischen Geschichte erinnert. Zum 75. Jahrestag wurde im Park vor dem Haus eine Keramikstele aufgestellt.
Am 6. und 7. August 1921 fand in Härtels Gaststätte “Gesellschaftshaus” das 43. Jahrestreffen der sorbischen Studentenschaft statt. Es sollte auch das einzige sorbische Studententreffen in Hoyerswerda/Wojerecy bleiben.
Auf der Hauptversammlung des Sorbischen Studentenbundes wurde unter anderem die Absicht des Bundes verkündet, der Domowina beitreten zu wollen. Am zweiten Tag des Treffens bereicherten dieses ein Konzert unter der Leitung des Musikdirektors Bjarnat Krawc (Bernhard Schneider) und die Vorführung des dramatischen Theaterstücks “Posledni kral” (Der letzte König) durch die besten Darsteller aus den Reihen der sorbischen Studenten. Mit dem anschließenden Tanz klang das Treffen aus.
Obwohl das Gebäude inzwischen zum Gymnasium umgebaut worden war, hielt hier der sorbische Pfarrer Unger im Jahre 1924 immer montags und donnerstags Sorbischstunden ab. Den sorbischen Sprachkurs besuchten 30 Personen, größtenteils Deutsche (wie zum Beispiel Lehrer der Oberschule und Händler). Gerade in diesem Jahr veröffentlichte die Wochenzeitung “Serbske Nowiny” auf einmal viel mehr sorbische Anzeigen von Firmen aus Hoyerswerda/Wojerecy.
Der 1924 gegründete Heimatverein, dessen erster Vorsitzender der sorbische Pfarrer Unger war, organisierte zu Palmarum 1926, konkret für den 28. und 29. März 1926 eine große Ostereierausstellung. Schon im Jahre 1911 hatte man in Hoyerswerda/Wojerecy eine solche Ausstellung mit der Prämierung der schönsten verzierten Eier durchgeführt. Es ist aber nicht ganz klar wo (vielleicht im Hotel “Zum goldneen Anker” von Georg Valtin?). Im Rahmen der Ausstellung des Jahres 1926 wurden geschmückte Eier dieser vorhergehenden Ausstellung und aktuelle Erzeugnisse vor allem aus den begabten Händen der Volkskünstler der Hoyerswerdaer Gegend gezeigt. Bei der Prämierung der schönsten Ostereier war die sorbische Art der Eierverzierung ein wichtiges Kriterium.
Mit diesen Ausstellungen 1911 und 1926 war Hoyerswerda/Wojerecy Wegbereiter für die heutigen großen sorbischen Ostereiermärkte.
Auf dem Saal des Bürgerzentrums kann man in Abständen auch heute sorbische Veranstaltungen erleben. Diese reichen von Bundesvorstandssitzungen der Domowina, über sorbische Herbstkonzerte bis hin zu alternativen sorbischen Veranstaltungen wie “Subsorb”.
In weiteren Räumlichkeiten, vor allem im Cafė treffen sich sorbische Interessenkreise, wie zum Beispiel der sogenannte Sprachleuchtturm (Rěčna swětłownja) des Domowina-Regionalverbandeas “Handrij Zejler” oder der Beirat für sorbische Angelegenheiten der Stadt.
Autor: Werner Srocka aus Kinajcht | Kühnicht