Regionale Besonderheiten 

Die Niederlausitz ist reich an sorbisch-wendischen Bräuchen, die seit Generationen gepflegt und weitergegeben werden. Vereine, Familien und engagierte Akteure halten diese kulturellen Traditionen lebendig und machen sie im Jahreslauf erlebbar – als Ausdruck einer starken regionalen Identität.

Sorbische/wendische Kultur erleben

Die Region Niederlausitz zeichnet sich durch eine reiche Vielfalt an traditionellen Bräuchen aus, die seit Generationen von der sorbischen/wendischen Gemeinschaft bewahrt und weitergegeben werden. Diese Traditionen sind Ausdruck der engen Verbindung von Kultur, Sprache und Natur, die das Leben in der Region prägen. Mit großem Engagement und Leidenschaft setzen sich Vereine, Familien und einzelne Akteure dafür ein, diese kulturellen Schätze lebendig zu halten und an die nächste Generation weiterzugeben. Zahlreiche Feste und Bräuche im Jahresverlauf bieten Gelegenheiten, die sorbische/wendische Identität zu erleben und gemeinsam zu feiern:

 

 

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Woklapnica | „Abklopfen“

Öffentliche Gemeindeversammlung zum „Abklopfen“ des vergangenen Jahres ist die Zeit um den Dreikönigstag (06.01.). Nach dem Bericht des Ortsvorstehers bzw. Bürgermeisters werden Gemeindeangelegenheiten öffentlich diskutiert; die neu Zugezogenen „kaufen sich ein“ mit einer Saalrunde Schnaps. In den 1950er Jahren fand die Woklapnica nur noch in Kupaŕske Bórkowy | Burg-Kauper statt. Seit den 1990er Jahren erfährt sie in der Niederlausitz wieder wachsenden Zuspruch. 

Ptaškowa swajźba | Vogelhochzeit

Die Vogelhochzeit (25.01.) ist vor allem bei Kindern sehr beliebt. Es ist ein Bescherbrauch - die Vögel „bedanken“ sich sozusagen bei den Kindern für das Füttern im Winter. 
Am Vorabend der Vogelhochzeit stellen die Kinder Teller auf das Fensterbrett. Am nächsten Tag finden sie darauf Gebäck in Form von Vögeln und Nestern oder andere Süßwaren.

Ursprünglich wurde die Vogelhochzeit in der Oberlausitz gefeiert. Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen brachten den Brauch später in die Niederlausitz.
Seit den 1960er Jahren ist die Vogelhochzeit fester Programmpunkt in vielen Kindergärten und Grundschulen. Die Kinder verkleiden sich als Vögel, ziehen durch das Dorf oder die Stadt und führen kurze Kulturprogramme auf. In den sorbischen Kindergärten tragen sie die regionalspezifischen Hochzeitstrachten und stellen eine traditionelle Hochzeitsgesellschaft dar. Ende des 19. Jahrhunderts gab es erstmals auch Abendveranstaltungen für Erwachsene, die in der Regel ein Hochzeitsbitter moderierte. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gestaltet das heutige Sorbische National-Ensemble die Kulturprogramme, oftmals eine Mischung aus Estrade mit folkloristischen Elementen und Revue. Das Programm wird an verschiedenen Orten in der Lausitz aufgeführt, in der Niederlausitz meist im Zusammenhang mit dem „Zapust“ (Fastnacht). Für Kinder gibt es eine eigens entwickelte, professionelle Darbietung.  

 

 

Foto: Peter Becker

Camprowanje | Zampern

Verkleidete Personen ziehen in verschiedenen Heischegruppen (Jugendliche, Verheiratete, Kinder, neuerdings auch gemischte Gruppen) von Haus zu Haus und werden dabei von Musikanten begleitet. Früher gab es spezifische Zampererkostüme: den Erbsstrohbär, den Storch, den Schimmelreiter, in der Schleifer Region auch den Doppelmenschen und die Eierfrau. Heute kommen Clowns-, Tier- und andere Kostüme hinzu. Nach einem Tanz mit der Hausfrau und einem Glas Schnaps erhalten die Zamperer Eier und Wurst, mittlerweile auch Geld für das „Eieressen“, so nennt man den Tanzabend der jeweiligen Zamperergesellschaft. Die Männerfastnacht mit dem Tanzabend der verheirateten Paare beendet in vielen Dörfern das Zampern. In einigen Dörfern gehen die jungen Frauen zum Tanz in sorbischer Tracht.

Zapust

Seit dem späten 19. Jahrhundert findet in der Niederlausitz an einem Sonnabend oder Sonntag nach dem Zampern ein Festumzug der Jugend statt, der von Musikanten begleitet wird. Junge Frauen tragen Tanztrachten, die jungen Männer einen schwarzen Anzug und Hut. Ein aus Papierblumen gefertigter Zapuststrauß ziert Hut oder Revers. Nach dem Eröffnungstanz im Saal besucht der Festumzug Honoratioren des Ortes wie z.B. den Bürgermeister, Pfarrer oder verdienstvolle Einwohner. Als Dank für eine Gabe in die Fastnachtskasse und einen kleinen Imbiss wird dann eine Ehrenrunde getanzt und ein Zapuststräußchen überreicht. Der Festumzug endet abends mit dem Fastnachtstanz, zu dem alle Einwohner eingeladen sind.

 

Jatšowne nałogi  | Osterbräuche

Viele Osterbräuche gehen auf vorchristliche Frühlingsriten zurück (z.B. Palmweihe, Quellen- und Feuerweihe, Umritte). Heute werden einige überregional (z.B. Ostersingen, Osterwasserholen, Ostereierverzieren), andere regional ausgeübt (in der Niederlausitz Osterfeuer, in der Oberlausitz Osterschießen, Waleien, in der katholischen Region „Kreuzsingen“, Klappern, Osterreiten).

Jatšowne jaja | Ostereier

Traditionell waren reich verzierte Eier (zusätzlich zu Lebkuchen oder Osterbrötchen) ein Ostergeschenk für Kinder, vor allem Patenkinder, früher auch für das Gesinde, den Pfarrer, Küster oder Lehrer und natürlich auch als Zeichen der Zuneigung und Liebe unter der Jugend. Noch heute ist es in einigen Regionen der Lausitz üblich, dass sich Kinder ihr Patengeschenk abholen, meistens am Gründonnerstag. Für das Verzieren werden vier verschiedene Techniken angewendet - die Wachsbatiktechnik, Kratztechnik, die Ätztechnik und seit den 1980er Jahren das Bossieren.

Foto: Peter Becker

Walkowanje | Waleien

Dies ist ein beliebtes Spiel, heute vor allem bei Kindern in der Niederlausitz und im Gebiet um Slepo|Schleife. Über eine künstlich angelegte Bahn („walka“) im Garten oder auf dem Dorfanger werden gekochte, meist gefärbte Eier hinabgerollt. Als geschlagen galt das Ei, das von einem anderen getroffen wurde. In Budyšin | Bautzen ging aus dem Waleien das Eierschieben hervor, das Vereine Ende des 19. Jahrhunderts zu einem überregionalen Volksfest mit Jahrmarktsstimmung entwickelten. Bautzener Bürger „schoben“ gekochte Eier, Äpfel oder Gebäck für die unterhalb des Hrodźišćo | Protschenberg stehenden Kindern hinab. In der DDR galt der Brauch als diskriminierend und wurde 1960 unterbunden. Seit 2001 erfreut sich das „Bautzener Eierschieben“ mit vielfältigem, auch sorbischem kulturellem Begleitprogramm erneut großer Beliebtheit.

Foto: Peter Becker

Jatšowne spiwanje | Ostersingen

Singen von Passionsliedern in der Passionszeit und Auferstehungs­liedern/Osterchoräle in der Osternacht; bis in die 1950/60er unter den evangelischen Sorben weit verbreitet. Ursprünglicher Träger ist die aus den Spinn­stuben hervorgegangene Singegemeinschaft der Mädchen, die vier Wochen vor Ostern durch das Dorf und um die Fluren ging und Passionslieder sang. Das Ostersingen hatte seinen Höhepunkt am Karfreitag und endete bei Sonnenaufgang am Ostersonntag mit Auferstehungsliedern. Im Kirchspiel Schleife singen seit 1993 in der Osternacht einige Frauen in Tracht, die “Kantorki”; in der Kirche zu Dissen in der Niederlausitz seit 2001 am Karfreitag der Chor “Łužyca” und seit 2011 in Jänschwalde junge Frauen in der Osternacht. Ab 2017 kamen weitere Dörfer westlich von Cottbus/Chóśebuz dazu. Aktuell gibt es in der gesamten Lausitz mehr als 10 Dörfer, in denen dieser Brauch gepflegt wird.

Foto: Peter Becker

Jatšowny wogeń | Osterfeuer 

Ein beliebter Brauch, der in über 100 Dörfern zelebriert wird, ist das Osterfeuer. Am Ostersonnabend baut die Dorfjugend auf einem nahegelegenen Hügel einen Holzstoß auf. In der Osternacht wird dieser entzündet. Das Licht des Feuers strahlt weit in die Region.

Foto: Peter Becker

Jatšowna wóda | Osterwasser

Eine besondere Kraft wird dem Osterwasser, dem im Frühling erneuerten Wasser, zugesprochen. Mädchen und junge Frauen holen am Ostersonntag vor Sonnenaufgang schweigend frisches Quellwasser. Wird das Schweigegebot nicht eingehalten, verliert es seine besondere Wirkung und wird zum „Plapperwasser“. Früher hat man sich mit dem Wasser gewaschen und das Vieh besprengt.

Jatšowne rejtarje | Osterreiten

Die Osterreiterprozessionen sind der bedeutendste sorbische katholische Brauch, der alljährlich am Ostersonntag viele Gäste aus nah und fern anzieht. Es ist nicht nur Tradition, sondern es ist ein beeindruckendes öffentliches Glaubensbekenntnis. Obwohl es ein katholischer Brauch ist, nehmen auch evangelische Männer teil.

Festlich gekleidete Männer in einem schwarzen Gehrock und mit einem Zylinder auf dem Kopf reiten auf geschmückten Pferden. Kirchenlieder singend und betend reiten sie in die Nachbargemeinde und verkünden die freudige Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi.

In der Niederlausitz wird seit 1998 im alten wendischen Kirchsprengel Zerkwitz bei Lübbenau das Osterreiten gepflegt.

Majski bom | Maibaum

Frühlingsbrauch; am Vorabend des 1. Mai stellt die Jugend den Maibaum auf – einen langen, entrindeten Baumstamm, an dessen höchstem Punkt eine Birke mit bunten Bändern, mitunter auch eine sorbischen Fahne, befestigt ist, den Girlanden umwinden und ein Tannenkranz mit Bändern unterm Wipfel schmückt. In einigen Dörfern der katholischen Region werden nach dem Aufstellen Marienlieder gesungen. In den folgenden Wochen bis zum Werfen wird der Maibaum von den Jugendlichen bewacht, um das vorzeitige Absägen durch die Jugend der Nachbardörfer zu verhindern.

In der Oberlausitz ist der traditionelle Tag für das Maibaumwerfen ein Sonntag. Im Mittelpunkt steht der Wettkampf, bei dem der Maikönig ermittelt wird. Zuvor tanzt die Jugend unter dem Maibaum. In vielen Orten tragen die Mädchen Trachten. Sobald der Baum ausgegraben ist und fällt, rennen die Burschen nach dem Wipfel. Der Erste ist Maikönig und wählt sich aus dem Kreis der Mädchen seine Maikönigin. Das Paar führt den Zug der Jugend durchs Dorf zum Festplatz oder Gasthaus, wo es den Tanz eröffnet. In der Niederlausitz steht der Maibaum oft bis Johanni, wird dann gefällt und versteigert. Der Domowina-Regionalverband Niederlausitz e. V. und die niedersorbische Wochenzeitung NOWY CASNIK veranstalten jährlich einen Wettbewerb „Schönster Maibaum“.

Mjazynarodny folklorny festiwal ŁUŽICA - ŁUŽYCA – LAUSITZ

Alle zwei Jahre wird das Mjazynarodny folklorny festiwal ŁUŽICA - ŁUŽYCA - LAUSITZ für vier Tage zu einem besonderen Höhepunkt der sorbischen Kulturszene. Budyšin | Bautzen, Hochoza | Drachhausen und Chrósćicy | Crostwitz verwandeln sich in lebendige Bühnen, auf denen ein internationales Festival die Vielfalt der Kulturen feiert.

Ensembles aus der Lausitz und aus aller Welt präsentieren vielseitige Programme. Tanz, Gesang und Musik machen die Lebendigkeit der sorbischen und anderer Kulturen erlebbar. Am Sonnabend und Sonntag ist das Festival in Chrósćicy | Crostwitz zu erleben, wo der Kunsthandwerkermarkt und der traditionelle Festumzug am Sonntag zu den Höhepunkten zählen.

Die Festivaltage heißen Besucher aller Altersgruppen willkommen: Die Bauernhöfe im Ort laden mit Speisen und Getränken in gemütlicher, familiärer Atmosphäre zum Verweilen ein. Rockige und poppige Klänge gibt es am Samstagabend für junge Gäste. Das große Finale findet am Sonntag auf der Hauptbühne als würdiger Abschluss statt.

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Jańske rejtowanje | Johannisreiten – um den 24. Juni

Dieser Reiterbrauch symbolisiert den Segen für die Felder und wird einzig noch in Kózle/ Casel, einem Ortsteil der Stadt Drjowk/ Drebkau, von der Jugend gepflegt. 
Sommerlicher Brauch mit Reiterspiel zum Johannistag (24.06.), der Mitte des 19. Jahrhunderts in mehreren Dörfern der Niederlausitz gefeiert wurde und heute nur noch in Casel bei Drebkau gepflegt wird. Träger ist heute nicht mehr die Dorfjugend, sondern ein eigens dafür gegründeter Traditionsverein. Im Mittelpunkt steht die Figur des „Johann“, ns. „Jan“, eine Maskengestalt, die den Wachstumsgeist verkörpern soll. Ein Bursche wird von einigen Mädchen mit Kornblumenranken benäht, Arme und Beine werden mit Wicke umwunden. Für den Kopf wird eine einer Krone ähnliche Maske angefertigt. Sie ist ein Gerüst aus Schilfrohr und wird mit Gartenblumen und Seerosen umwunden. Ist der Johann vollständig geschmückt, reitet er gemeinsam mit Burschen des Dorfes vom Gasthof aus zum Festplatz, begleitet von einer Blaskapelle. Vor den Reitern gehen die Mädchen in weißen, mit blauen und roten Streifen besetzten Kleidern. Sie tragen eine zweite Krone, die der Johann am Abend beim Ehrentanz überreicht bekommt. Auf dem Festplatz angekommen, reitet der Johann zunächst einige Male mit seinem gesamten Gefolge durch die Menge der Zuschauer. Nach einigen Ritten scheiden die Begleiter aus. Nun versuchen die Zuschauer, den Johann anzuhalten und seine Blumen zu erhaschen, da sie als Glücksbringer gelten.

Johannisreiten - Webseite des Traditionsverein Casel e.V.

 


Žnjowne nałogi | Erntebräuche

Auch anlässlich des Einbringens der Getreideernte werden Bräuche mit traditionellen Reiter¬spielen gepflegt. Der kokot (dtsch. Hahn) tritt dabei in verschiedenen Sinnzusam¬menhängen auf; so als Bezeichnung für die letzte Garbe, die von den Schnittern mit bunten Blumen und Bändern geschmückt wurde. Dabei riefen sie früher: „źins jo kokot – heut ist kokot“. Das verdeutlicht, dass die letzte Garbe, der Hahn, vom Feld ist. Die Männer bekamen einst Sträuße aus Ähren angesteckt. Die Frauen fertigten Erntekränze und eine große Erntekrone, womit sie auf dem Gutshof das Ende der Getreideernte bekannt gaben. Danach wurde gefeiert und es fanden verschiedene Wettspiele statt, bei denen „der alte Hahn“ symbolisch oder auch reell getötet wurde.

Foto: Peter Becker

Kokot - Zabijanje kokota | Hahnschlagen

Eine ältere Form der Erntespiele ist das Hahnschlagen. Einst in der gesamten Lausitz verbreitet, wird es heute nur noch in wenigen Dörfern der Niederlausitz gepflegt. Das Hahnschlagen geschieht nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, bei der ein Hahn mit Dreschflegeln erschlagen wurde, sondern nur noch symbolisch. In Smogorjow|Schmogrow bei Burg/Spreewald suchen die jungen Männer mit verbundenen Augen mit einem Dreschflegel nach einem umgestürzten Topf, unter dem der Hahn sitzt. Jeder hat drei Versuche.  Wer den Topf als erster trifft, wird König und hascht aus den sich im Kreise um ihn herum drehenden jungen Frauen in Tanztracht nach einer Königin. Anschließend lassen die Jungen den Hahn frei, um ihn dann wieder einzufangen und zu versteigern. 

Foto: Peter Becker

Kokot - Łapanje kokota | Hahnrupfen

Die am weitesten verbreitete Form der Erntespiele ist das Hahnrupfen. Am Querbalken einer eigens dafür errichteter, mit Laub umwundenen Pforte wird kopfüber ein toter Hahn angebun¬den. Junge Männer galoppieren nacheinander unter der Pforte hindurch und versuchen dem toten Hahn den Kopf abzureißen. Wem das gelingt, der wird erster König („kral“); die Burschen, die die Flügel erhaschen, werden zweiter bzw. dritter König. Sie erhalten große Siegerkränze aus Eichenlaub. Die drei Erntekönige wählen sich aus dem Kreis der jungen Frauen, welche die Tanztracht tragen, mit verbundenen Augen ihre Partnerin aus, um mit dieser die Ehrenrunde zu tanzen. Die Frauen ermitteln aus ihrer Mitte bei Geschicklichkeitsspielen wie dem Froschkarren, Junggesellenkarren oder Eierlaufen die Erntekönigin. Sie bekommt ebenfalls als Preis einen Eichenlaubkranz umgehängt. Zum Abschluss der Wettspiele geht es im festlichen Zug zum Tanz ins Gasthaus. In diesem Festzug wird auch die mit bunten Bändern geschmückte Erntekrone getragen.

Foto: Peter Becker

Rejtowanje wó kołac | Stollenreiten

Das Stollenreiten ist ein ehemaliger Pfingstbrauch, auch Teil des Hochzeitszeremoniells, bei dem die unverheirateten Gäste um einen großen Kuchen oder Stollen ritten. Heute wird der Brauch noch in Nowa Niwa|Neu Zauche am Nordrand des Spreewaldes als Erntebrauch im August gepflegt. Das Fest beginnt am Vormittag mit einem Gottesdienst der Dorfjugend. Die Frauen tragen die Kirchgangtracht. Bevor es am Nachmittag zum Wettreiten und den Wettspielen der jungen Frauen auf das abgeerntete Feld geht, werden die Preise für die Sieger präsentiert: drei unterschiedlich große mit Blumen und Spargelkraut geschmückte Stollen. Die jungen Männer reiten in weißen Leinenhosen und -hemden auf ungesattelten Pferden um die Wette und ermitteln so den schnellsten Reiter. Die jungen Frauen ermitteln bei Geschicklichkeitsspielen ihre Besten.

domowina.de: 11.09.2023 / Kermuša w Hodźiju - rjany dwurěčny swjedźeń

Kjarmuša | Kirmes

Die kermuša (dt. Kirmes) wird alljährlich in Erinnerung an die Kirchweihe gefeiert. In der Vergangenheit war es das wichtigste Fest für die bäuerlichen Gesellschaft. Meist wurde drei Tage lang gefeiert und es bot Möglichkeit zum Sattessen, zum Besuch bei Verwandten und zum Tanz. In der literarischen Erinnerung lebt sie vom Gegensatz zwischen dem kargen bäuerlichen Alltag und einer rauschhaften Festtagsstimmung, die von Großzügigkeit und Geselligkeit geprägt war. 
In evangelischen sowie katholischen Pfarrgemeinden wird sie bis heute an Sonntagen zwischen dem Bartholomäustag (24.08.) und dem Tag der hl. Katharina (25.11.) gefeiert. Im Mittelpunkt stehen der Besuch der Familie und das reichhaltige Essen. Vielerorts sind auf Festtagswiesen  Karussells und Buden aufgestellt.

 

Pśěza | Spinte

Die „Spinte“ (Spinnstube) war die wichtigste, aus kollektiver Arbeit hervorgegangene Gemeinschaft im Dorf. Nach Abschluss der Ernte im Herbst versammelten sich abends die unverheirateten Mädchen, um das nötige Pensum an Garn zu spinnen, aus dem die im Haushalt benötigte Leinwand hergestellt wurde. Während der Arbeit wurden – unter anderem – unter Anleitung der „Kantorka“ Lieder eingeübt, die zu Hochzeiten oder Beerdigungen vorgetragen werden konnten. Die Gesellschaft der Spinnstube, zu der nach getaner Arbeit auch die ledigen Burschen Zutritt hatten, plante und gestaltete die Feste der Jugend im Laufe des Jahres („Zapust“, Ostersingen, Maibaum, „Kokot“) und gilt daher bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Trägerin vieler sorbischer/wendischer Bräuche. Im Kirchspiel Slepo|Schleife fungiert die Spinnstube heute als Treff für Frauen und Männer aller Altersklassen, wobei es besonders um die Pflege der Gemeinschaft und der sorbischen Sprache geht. In der Niederlausitz widmen sich Heimatvereine und Domowina-Gruppen unter der Bezeichnung „Spinte“ traditionellen Handwerkstechniken und dem regionalen Liedgut.

Gódowe nałogi | Advents- und Weihnachtsbräuche

Janšojski Bog | Christkind

Ein bekannter Bescherbrauch in der Schleifer Region ist der Besuch des Bože dźěćetko (dt. Christkind), in der Niederlausitz bekannt als Janšojski bog. Das dźěćetko besucht in der Vorweihnachtszeit mit zwei Begleiterinnen Familien, aber auch Kindergärten, Schulen oder Seniorenheime. Es trägt eine mit Elementen der Brauttracht geschmückte Festtracht, weiße Handschuhe und vor dem Gesicht eine Tüllspitze. In den Händen hält es ein Glöckchen und die mit bunten Schleifen besteckte, Segen spendende Lebensrute. Schweigend streichelt es die Wange der Beschenkten.

„Nowolětka“ (Neujährchen) aus Sollschwitz; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut

Nowolětka | Neujährchen

Zu Neujahr und bis zum Dreikönigstag wurden Gebildebrote in Tiergestalt, sogenannte Neujährchen – um Kulow|Wittichenau „Dreizacken“ („třodraki“) – gebacken, die dem Vieh unter das Futter gemischt wurden, damit es gesund bleibe. Sie galten auch als traditionelle Gaben der Kinder für ihre Paten. Aus dem Brauch, der sich vereinzelt bis in die 1920er Jahre erhalten hat, entwickelte sich eine neue Tradition, welche vor allem in Schulen und Kindergärten gepflegt wird. Das Museum „Alte Pfefferküchlerei“ in Wóspork|Weißenberg hat sich ebenfalls diesem Brauch verschrieben. Zusammen mit den Besuchern werden dort in der Winterzeit solche Gebildebrote gefertigt.