Schützenhaus

ehemaliges Gasthaus „Kastanienhof“ (vormals Schützenhaus, wo am 07.10.1846 das Sorbische Gesangsfest stattfand

Schützenhaus – Ort wichtiger sorbischer Versammlungen und Veranstaltungen

Geschichte des Bauwerks
Nach dem Jahre 1833 wurde das Haus von der Hoyerswerdaer Schützengilde erbaut und bis zum Jahre 1874 auch von ihr bewirtschaftet. Dann verkaufte sie das Haus an einen Gastwirt. 1893 wurde der Saal angebaut. Die Stadtbewohner erreichten die Gaststätte schnell zu Fuß oder per Kahn. Auch für das Vereinsleben war das Haus einewichtige Adresse. Nach 1945 wurde es als Gaaststätte “Kastanienhof” über die ganze DDR-Zeit weiter betrieben. Erst nach der Wende fand sich niemand mehr für die Übernahme des Hauses und der Saal wurde abgerissen. Das Hauptgebäude wurde später zu einem Wohnhaus umgebaut. 
Wichtige sorbische Versammlungen und Veranstaltungen im Schützenhaus: 
Die Reihe sorbischer Veranstaltungen wurde nach bisherigen Recherchen im Jahre 1846 eingeleitet. Am 12. Januar 1846 fand hier ein Pestalozzi-Fest der sorbischen Lehrer zum 100. Geburtstag des berühmten Pädagogen statt. Auf dem Fest wurde zwischen und nach den Ansprachen eine große Zahl sorbischer Lieder gesungen. 
Am 7. Oktober 1846 wurde im Schützenhaus auf Vorschlag des Hoyerswerdaer Kantors Linke und des dortigen sorbischen Missionsverein das 3. sorbische Gesangsfest durchgeführt. In Gegenwart von Handrij Zejler leitete der mit ihm befreundete sorbische Komponist Korla Awgust Kocor den Auftritt von 40 Sängern mit 17 Liedern. Das erfolgreiche Konzert vor sorbischem und deutschem Publikum wurde mit einem Gastmahl für 100 Personen beendet. Dabei übergab Jan Arnošt Smoler seine Sammlung sorbischer Volkslieder zur Erinnerung an das Hoyerswerdaer Fest an Kocor. 

Am 15. Dezember 1918 fand im Schützenhaus eine sorbische Volksversammlung mit 300 Sorben der Hoyerswerdaer Kirchengemeinde statt. Nach der Ansprache von Arnošt Bart beschloss man den Beitritt zum Wendischen Bund (Serbski zwjazk) und es wurde eine Resolution über die Autonomie der Sorben in der Lausitz unterschrieben. Der Wendische Bund hatte die Aufgabe, möglichst alle Sorben der Nieder- und Oberlausitz in einer Organisation zu vereinen, damit sie sich gemeinsam um ihre Rechte bemühen. Das Hauptziel war die Autonomie der Lausitz mit der Garantie der Rechte der sorbischen Bevölkerung. Eine bestimmte Zeit lang wurde sogar die Bildung eines lausitzisch-sorbischen Staates favorisiert. Als Sprecher des sorbischen Volkes wurde im November 1918 der Wendische Nationalausschuss (Serbski narodny wuběrk) gebildet. In diesen Ausschuss delegierten die Teilnehmer der Versammlung den Vorsitzenden des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins, August Lapstich. Alle Verhandlungen des Ausschusses mit der Regierung blieben aber ohne Erfolg und die Bemühungen um die Autonomie der Lausitz scheiterten. 1920 wurde der Wendische Nationalausschuss aufgelöst.

Am 3. März 1919 wurde eine weitere sorbische Volksversammlung im Schützenhaus durchgeführt. Auf diese erläuterte der Vorsitzende des Wendischen Nationalausschusses, Arnošt Bart die Bemühungen um die Autonomie der Lausitz und einen eigenen lausitzisch-sorbischen Staat. Diese Bemühungen wurden im Jahre 1920 ohne Erfolg beendet.

Am 16. Februar 1920 stellte die Lausitzer Volkspartei (1919-1924) ihr Programm auf ihrer ersten öffentlichen Versammlung vor, die der Vorsitzende des Domowina- Regionalverbandes, der župa “Handrij Zejler”, Jan Haješ aus Lohsa/Łaz leitete. Die Partei veröffentlichte ihre Absicht, sich an den Reichstagswahlen mit eigenen Kandidaten beteiligen zu wollen. Sie propagierte unter anderem das Ziel, das deutsch-sorbische Territorium der Nieder- und Oberlausitz in eine einheitliche Provinz Deutschlands mit deutsch-sorbischen paritätischen Ämtern umzuwandeln. Damit wollte sie die Gleichberechtigung der sorbischen Sprache und Kultur garantieren. Auch diese Forderungen blieben ohne Erfolg. Und der Partei gelang es auch nicht, bei den Wahlen ein Mandat zu erringen.

Das Schützenhaus war für den Hoyerswerdaer wendischen Bauernverein (Wojerowske serbske burske towarstwo) im Zeitraum 1922 bis 1935 eine wichtige Örtlichkeit für größere Veranstaltungen. Dies waren Gründungsfeste und weitere sorbische kulturelle Veranstaltungen sowie Vergnügen. Die Nutzung des Schützenhauses hing damit zusammen, dass das bisherige Domizil des Vereins Anfang 1922 durch die Stadt übernommen und zum Gymnasium umgewandelt wurde. Dies war das vormalige Gesellschaftshaus – das Gründungshaus und der Sitz des Vereins 1885-1921. Hervorzuheben ist bei den Veranstaltungen im Schützenhaus das 43. Gründungsfest am 12. Februar 1928, auf welchem der Bautzener sorbische Verein “Nadźija” (Hoffnung) mit einem sorbischen Programm beteiligt war. Zudem wurde auf diesem Fest der Beitritt des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins zur Domowina bekannt gegeben.

Die Hauptversammlung der Domowina am 28. März 1928 im Schützenhaus beschloss dann die Aufnahme des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins in die Domowina. Warum der Verein erst 1928 in den Dachverband sorbischer Vereine aufgenommen wurde, obwohl er 1912/13 die Domowina mit gegründet hatte, ist noch nicht gründlich erforscht.

Auf der Hauptversammlung der Domowina wurde nach einer kritischen Ansprache des Vorsitzenden des Hoyerswerdaer Regionalverbandes der Domowina, župan Haješ über die Vernachlässigung der sorbischen Sprache in den Schulen eine Resolution an die preußische Regierung beschlossen. Diese forderte eine grundlegende Verbesserung der Vermittlung der sorbischen Sprache in den preußischen Schulen.

Der Hoyerswerdaer wendische Bauernverein führte am 7. April 1929 gemeinsam mit dem Lohsaer Verein “Handrij Zejler” ein öffentliches sorbisches Fest durch. Der Lohsaer Verein stellte sein Gesangskonzert, eine sorbische Theatervorführung und alte sorbische Tänze vor. Der Saal war überfüllt und die Begeisterung groß.

Den 50. Jahrestag der Gründung des Hoyerswerdaer wendischen Bauernvereins feierte dieser am 20. Januar 1935 mit einem Jubiläumsfest im Schützenhaus. In den Ansprachen des Vorsitzenden des Vereins, Johann Jatzwauk (Jan Wjacsławk) und des Vorsitzenden der Domowina, Paul Nedo (Pawoł Nedo) zeigten sich Illusionen, dass Hitler den Sorben die Gleichberechtigung bringen könne. Jatzwauk informierte darüber, dass im November 1933 die sogenannte Gleichschaltung des Vereins vorgenommen worden sei. Dabei war auf Verlangen der NSDAP der langjährige Vorsitzende und Ehrenvorsitzende Jurij Valtin aus dem Verein ausgeschlossen worden. Davon war auf der Veranstaltung in Anwesenheit der Obrigkeit natürlich keine Rede. Auch die sorbische Sprache spielte zum Jubiläum nur noch eine untergeordnete Rolle.

Nach dem 2.Weltkrieg wurde das Schützenhaus als Gaststätte “Kastanienhof” weiter bewirtschaftet. Auf dem Saal fanden sorbische Veranstaltungen des Domowina-Regionalverbades “Handrij Zejler” Wojerecy | Hoyerswerda statt. Das waren kulturelle Höhepunkte und Delegiertenkonferenzen des Regional- bzw. Kreisverbandes der Domowina.

 

Autor: Werner Srocka aus Kühnicht